Denken ohne Geländer: die Barometer-Frage

Barometer

Denken ohne Geländer: die Barometer-Frage

„Beschreiben Sie, wie man die Höhe eines Turms mit einem Barometer feststellt“ – so lautet die Prüfungsfrage.

Aber die Antwort des Studenten ist falsch! Der Professor möchte seinem Studenten null Punkte geben. Der Student besteht aber vehement auf der vollen Punktzahl! Denn seine Antwort ist zwar die falsche, aber dann doch auch irgendwie richtig.

Sie lautet: „Ich befestige ein langes Seil am Barometer, lasse das Barometer von der Turmspitze zur Straße hinunter und messe danach die Länge des Seils: Sie entspricht der Höhe des Gebäudes.“

Nachdem er sich mit einem Kollegen beratschlagt hat, gibt der Professor dem Studenten eine zweite Chance.

Aber auch die zweite Antwort ist anders als erwartet. Eigentlich müsste er nur schreiben, dass mithilfe des Barometers der Luftdruck oben und unten am Turm gemessen wird und die Werte zur Berechnung der Höhe in die barometrische Höhenformel eingesetzt werden. Das will der Professor hören. Aber der Student schreibt diesmal:

„Ich lasse das Barometer von der Turmspitze nach unten fallen und messe mit einer Stoppuhr die Zeit, bis es unten aufschlägt. Mit der Gravitationskonstante und den Newtonschen Beschleunigungsformeln berechne ich daraus den zurückgelegten Weg des Barometers, der identisch mit der Höhe des Turms ist.“

Der Prüfer ist der Verzweiflung nahe, während der Student nur grinst und meint, er habe noch ein paar andere Lösungsvorschläge parat:

  • Wenn die Sonne nicht scheint, könnte er messen, wie hoch das Barometer ist und dann zählen, wie viele Einheiten der Länge des Barometers der Turm hoch sei, indem er das Barometer beispielsweise im Treppenhaus mit Hilfe von Markierungen Stück für Stück verschiebt und dann die Höhe des Barometers mit der Anzahl der Verschiebungen multipliziert.
  • Bei Sonnenschein aber könnte er auch die Höhe des Barometers und die Länge seines Schattens messen. Danach würde er den Schatten des Turms ausmessen und könnte dann mittels eines Dreisatzes die Höhe des Gebäudes bestimmen.
  • Oder aber – und das ist wohl die beste Lösung: Er besucht im Erdgeschoss den Turmwärter und biete ihm das Barometer als Gegenleistung zum Tausch an. Und zwar dafür, dass jener ihm die Höhe des Gebäudes verrät.

Wie hältst du es mit der Kreativität?

Wir wissen nicht, ob diese Geschichte wahr ist, aber sie ist ein Paradebeispiel für den Konflikt zwischen der Kreativität und dem Diktat der einen richtigen Lösung. Diese eine richtige Lösung, die als einzig richtiger Weg „verkauft“ wird, repräsentiert im Grunde immer nur die Erwartung des Fragestellers.

Natürlich lässt sich einwenden „Na klar, so ist unser Bildungssystem. Bildung sollte mehr sein, als die Köpfe von Schülern mit Fakten und Formeln vollzustopfen, die dann auswendig gelernt und auf Verlangen wieder reproduziert werden. Schüler sollten ermuntert werden, Probleme mit allen verfügbaren Mitteln lösen zu können…“ Das ist richtig. Unser Bildungssystem verdient Kritik. Darüber haben wir ja auch schon ausführlich in unserem Buch „Hört auf zu arbeiten“ geschrieben.

Aber hier geht es uns nochmal um etwas anderes – nämlich um uns selbst und unsere eigene Haltung. Wie sieht es damit aus? Zeigen wir mit dem Finger auf das Bildungssystem oder stellen wir uns selbst die Frage: Wenn dieser Student mein Kollege oder mein Mitarbeiter wäre – Hand auf Herz – wie würden ich oder der Chef oder die Kollegen reagieren? Was, wenn dieser Kollege/Mitarbeiter:

  • STATT der einen „richtigen“ Antwort, seine eigene kreative Antwort gibt?
  • STATT es so zu machen, wie du oder der Chef es will, es so macht, wie es dem Kunden hilft?
  • STATT dem Plan zu folgen, flexibel auf Veränderungen reagiert?
  • STATT dem vordefinierten Prozess zu folgen, es so macht, wie es der gesunde Menschenverstand vorschlägt?

Wer wird gefeiert?

Also: Daumen hoch ODER Daumen runter? Befördern ODER versauern lassen? Mehr von solchen Typen einstellen ODER möglichst schnell solche Querulanten loswerden?

Die Reaktion offenbart die Kultur einer Organisation – und letztendlich auch das ganz persönliche Mindset: Sind Begriffe wie Kreativität, Eigeninitiative, Mut, Innovation, Selbstverantwortung nur Lippenbekenntnisse? Oder werden sie tatsächlich gelebt, wertgeschätzt und gefeiert?

Wird denen auf die Schulter geklopft, die dem Status quo und dem Handbuch zuverlässig, fleißig aber auch blind folgen? Oder werden diejenigen belohnt, die starre Regeln hinterfragen, Initiative ergreifen, neue Wege finden?

Die Wahrheit ist: Wenn das Barometer zerbricht – und in der heutigen Welt, die immer unberechenbarer und mit vielen drastischen Veränderungen auch aus den Fugen geraten zu sein scheint, wird es früher oder später zerbrechen und das vermutlich im ungünstigsten Moment – dann wird derjenige schlechte Karten haben, für den das Barometer nur ein Messgerät zur Bestimmung des Luftdrucks ist.

Wer aber noch weitere Lösungsideen auf Lager hat, und wenn sie noch so ungewöhnlich sind, der wird immer noch die Höhe des Turms bestimmen können!

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