Der Preis des Aufhörens

Der Preis des Aufhörens

Was macht ihr, wenn ihr merkt, dass ihr auf einem Holzweg unterwegs seid? Wenn ihr merkt, dass ihr einen Fehler gemacht habt? Wenn ihr euer Schiff auf den falschen Kurs gesteuert habt? – Aufhören? Umkehren? Das Ruder herumwerfen? Die Reißleine ziehen?

Die Torheit der Regierenden

Ja, das wäre klug. Aber interessanterweise halten wir Menschen allzu oft am falschen Kurs fest, sogar wenn wir wissen, dass er falsch ist! Wir tun uns unglaublich schwer mit dem Umkehren. Die Historikerin und Pulitzer-Preisträgerin Barbara Tuchman hat über dieses Phänomen ein beeindruckend kluges Buch geschrieben: „Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam“.

Sie beschreibt darin „den geistigen Stillstand“, der die Regierenden beispielsweise dann befällt, wenn ihre Armeen in einem Krieg bereits einen furchtbar großen Blutzoll bezahlt haben. Selbst wenn die Chancen auf ein siegreiches Ende immer weiter schwinden, hören sie nicht auf, weiter Soldaten in die tödliche Falle zu senden. Die USA ist beispielsweise in Vietnam so verfahren, genauso wie die Achaier vor dem mythischen Troja, gut 3000 Jahre zuvor. Sinnlos, aber offenbar menschlich.

Das Buch handelt von Völkern, Nationen und Regierungen, aber als wir beim Lesen an die Stelle kamen, wo Tuchman schreibt „Und doch ist einer Regierung nichts mehr zuwider, als Irrtümer einzusehen“, da wurde uns blitzartig klar, dass diese „Torheit“ genauso auf jeden einzelnen Menschen zutrifft – wir alle neigen dazu, Dummheiten immer weiter zu begehen, selbst wenn wir nicht mehr daran glauben, das Richtige zu tun.

Ich kann doch nicht alles wegwerfen …

Wir behalten die Arbeit, die uns kaputt macht.
Wir bleiben beim Partner, der uns anödet.
Wir halten die Aktien, die ins Bodenlose gefallen sind.
Wir investieren weiter in ein Projekt, das sich von der Profitabilitätslinie immer weiter entfernt.

Die Frage ist nur: Warum?

Barbara Tuchman liefert die Antwort: „Je größer der Einsatz und je stärker sich das Ich des Verantwortlichen engagiert, desto unannehmbarer ist ein Disengagement.“

Ins Konkrete übersetzt heißt das beispielsweise: Ich habe so viele Jahre investiert, um eine Expertin in meinem Bereich zu werden. Das kann ich doch jetzt nicht einfach alles wegwerfen und etwas völlig Neues anfangen! Oder: Jetzt haben wir in dieses Projekt schon so viele Millionen investiert. Würden wir es jetzt ohne Ergebnis abbrechen, dann hätten wir das Geld zum Fenster herausgeworfen! Oder: Ich leide unter meinem Partner schon seit über zehn Jahren, Tag für Tag. Wenn ich ihn jetzt verließe, hätte ich völlig umsonst gelitten!

Der große Denkfehler: Verlustangst

Genau das ist unser Denkfehler: Wir bestehen so sehr darauf, dass wir eine Belohnung verdient haben für das, was wir bislang gegeben, investiert und geleistet haben, dass wir sogar eher bereit wären, die Investition noch zu erhöhen, als sie abzuschreiben. Aber tatsächlich gibt es diese Belohnung oft nicht.

Wir müssen lernen loszulassen! Wir müssen uns klar machen, dass unsere Kosten der Vergangenheit unwiederbringlich ausgegeben sind. Wir müssen verstehen, dass wir jeden Tag auf’s Neue entscheiden, ob wir einen Weg weitergehen wollen, völlig unabhängig davon, wie lange wir ihn bereits gegangen sind und wie beschwerlich er bislang war. Wir müssen unsere Verlustangst überwinden.

Verlustangst oder Wagemut?

Deshalb ist es eine sehr gute Idee, wenn ihr euch hin und wieder mal fragt:

Tue ich in meinem Leben möglicherweise etwas nur deshalb, weil ich sonst etwas verlieren oder aufgeben müsste? Oder tue ich es, weil ich eine realistische Chance darauf habe, etwas zu bekommen?

Verlustangst oder Wagemut?

Wenn eure Haltung eher die Erstere ist, dann bedenkt, dass diese Haltung euch am Ende noch deutlich mehr kosten könnte, als euch lieb ist. Und dass nur die zweite Haltung uns dazu führt, etwas zu tun, was uns wirklich erfüllt.

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