Die vier Stufen der Selbstverantwortung

Selbstverantwortung - Maniac Pledge - WD40 Company

Die vier Stufen der Selbstverantwortung

In unseren Büchern, in unseren Vorträgen und in allem, was wir in den letzten zwanzig Jahren gemacht haben, geht es im Kern immer um eine Sache: Weg von alten Strukturen, Hierarchien und Routinedenken und hin zu Freiraum, Selbstverantwortung und einem anderen Verständnis von Menschenführung. Weg von der Fremdbestimmung, hin zur Selbstermächtigung.

Allerdings: Dazu braucht es auch Menschen, die ihre Rolle neu begreifen. Die sich nicht nur als ausführendes Paar Hände verstehen, sondern als selbstverantwortliche Gestalter. 

Wie viel Selbstverantwortung tragt ihr?

In unserer Rebels at Work Community sind diese Menschen zu Hause: Menschen, die Bestehendes hinterfragen und Veränderungen vorantreiben. Menschen, die wirksame Praktiken finden, den „normalen Betrieb“ zu verändern. Doch ausserhalb dieser Community hören wir immer wieder Variationen des ewig gleichen Einwands: „Wenn ihr wüsstet! Ihr habt gut reden! So einfach ist das bei uns nicht … Ach, ihr kennt halt unsere Umstände nicht!“

Uns hat das zu Beginn ziemlich geärgert. Aber dann haben wir verstanden, dass unser Ärger vielleicht auch etwas überheblich war: Für Selbstverantwortung gibt es nämlich keinen An-/Aus-Schalter. Alle Menschen, uns selbst eingeschlossen, stehen in Bezug auf Selbstverantwortung auf unterschiedlichen Stufen.

Dieses Verständnis hat uns die Augen geöffnet.

Stufe 1: Der Machtlose


Der will möglichst keine Verantwortung übernehmen. Wenn er keine Anweisungen bekommt, wartet er, bis ihm jemand sagt, was er tun soll. Wenn etwas schief geht, zeigt er mit dem Finger auf andere. Wenn er unzufrieden ist, beschwert er sich darüber und lässt es dabei bewenden. Das heißt: Der Machtlose übernimmt partout keine Verantwortung. Er macht seinen Job und das ist es dann auch. Wenn er in ein Umfeld kommt, das ihm mehr Freiraum und damit einhergehend auch mehr Selbstverantwortung zumutet, mutiert er zum „Ausreden-Weltmeister“. Er würde ja durchaus, so ist das nicht, aber es gibt halt unglaublich viele Umstände, weshalb es nicht geht. Diese Faktoren, argumentativ aufgeschichtet als Mauer an Hindernissen werden dominant in den Vordergrund gerückt. Dadurch lässt sich der qualvolle innerliche Grenzübertritt von der Machtlosigkeit in die Selbstermächtigung vermeiden.

Stufe 2: Der Umsetzer


Menschen auf dieser Ebene sind bereit, im gewissen Rahmen Verantwortung zu übernehmen. Anstatt zu warten, bis man ihnen sagt, was zu tun ist, fragen sie, was sie tun sollen und tun es dann. Ja, sie fragen auch mal nach. Ansonsten handeln sie selbstverständlich, wenn sie angesprochen oder aufgefordert werden. Wenn man ihnen eine Aufgabe überträgt, erledigen sie die innerhalb der vorgegebenen Regeln und in der abgesprochenen Zeit.

Wenn wir mit Führungskräften darüber sprechen, staunen wir oft, dass viele das schon absolut ausreichend finden. Als Führungskraft von treuen Soldaten umgeben zu sein, die ohne Widerworte das machen, was sie tun sollen. Erstaunlich. Für uns. Denn da bleibt unglaublich viel menschliches Potenzial auf der Strecke.

Stufe 3: Der Problemlöser


Die Haltung hier ist: „Ich werde innerhalb der bestehenden Strukturen so viel machen wie möglich ist.“ Der Problemlöser fragt nicht mehr, was zu tun ist, sondern sieht, was zu tun ist. Er übernimmt keine Tätigkeiten, sondern kümmert sich um komplette Aufgaben, inklusive dem Ergebnis. Er fühlt sich nicht als Teil der „Belegschaft“ oder als „Angestellter“, sondern als gleichwertiges Teammitglied auf Augenhöhe. Er schnappt sich proaktiv Aufgaben, übernimmt freiwillig Verantwortung und kann damit auch umgehen. Zwischen Stufe 2 und 3 liegt ein wichtiger Schritt: Von der Sag-mir-was-zu-tun-ist-Haltung zur Ich-mache-alles-was-mir-möglich-ist-Haltung.

Stufe 4: Der Gestalter


Hier haben wir den Mitdenker und Mitgestalter. Aus der Ich-mache-alles-was-mir-möglich-ist-Haltung wird eine Ich-werde-alles-tun-was-notwendig-ist-Haltung. Anstatt sich von existierenden Strukturen ausbremsen zu lassen, versuchen diese Menschen, Strukturen zu verändern, die sie daran hindern, die PS auf die Straße zu bringen. Sie strahlen Zuversicht und Zielorientierung aus und ziehen andere auf den Stufen mit nach oben.


Wer hier unterwegs ist, will Dinge zum Besseren verändern und Ideen vorantreiben. Nach unsinnigen Regeln zu spielen, weil es diese Regeln eben gibt, Beschäftigtsein simulieren oder bei internen Machtspielchen mitspielen … das alles interessiert die Gestalter nicht. Mit der Selbstverantwortung und dem Willen zur Gestaltung, kommt Leidenschaft (sie kommt!) für die Sache. Außerdem, das sehen wir oft, verfügen sie über eine innere Freiheit nach dem Motto „Wenn die mich hier nicht wollen, weil ich Veränderung vorantreibe, dann finde ich eben ein Umfeld, wo genau das geschätzt wird.“

Das verrückte Versprechen – The Maniac Pledge

Drei Dinge sind uns in diesem Zusammenhang wichtig:

1) Selbsteinschätzung
Wie schätzt ihr euch selbst ein? Und zum Gegencheck: Wie würden euch Kollegen, Kunden und (falls vorhanden) Chefs einschätzen? Seid ihr damit zufrieden? Habt ihr euch im Lauf der Jahre entwickelt? Wenn ja: in welche Richtung?

2) Akzeptanz
Menschen sind auf unterschiedlichen Stufen unterwegs. Wir beide schätzen uns selbst als Gestalter ein – aber nicht jederzeit und in jeder Sache. Und wir waren nicht schon immer auf dieser Stufe. Es ist eine Entwicklung, gepaart mit einem persönlichen Wertesystem, das der Selbstverantwortung eine sehr wichtige Rolle beimisst. Wer das erst einmal versteht und akzeptiert, nimmt viel Stress aus der Beziehung und der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Hier sprechen wir aus Erfahrung: Akzeptanz hilft enorm! Mit dieser Erkenntnis könnt ihr dann versuchen, Menschen bei ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen.

Ein schönes Beispiel ist die WD-40 Company, die das bekannte Kriechöl in der blau-gelben Dose anbietet. Bei WD-40 legt man großen Wert auf eine Kultur der Selbstverantwortung. Die Überzeugung ist, dass eine solche Kultur Mikromanagement überflüssig und das Arbeiten angenehmer macht sowie bessere Ergebnisse für Kunden erzielen lässt. Dort nennt man das “The Maniac Pledge: das verrückte Versprechen“.

Das verrückte Versprechen – The Maniac Pledge:
„Ich bin selbst verantwortlich dafür, ins Handeln zu kommen, Fragen zu stellen, Antworten zu bekommen und Entscheidungen zu treffen. Ich warte nicht darauf, dass jemand mir sagt, was zu tun ist. Wenn ich etwas wissen muss oder will, dann frage ich. Ich habe kein Recht, mich darüber aufzuregen, dass ich die Antwort nicht früher bekommen habe. Wenn ich etwas tue, von dem andere wissen sollten, bin ich selbst dafür verantwortlich, es ihnen zu sagen.“

Dieses Mindset der Selbstverantwortung wird von der WD-40 Company gefordert. Darin sind sie sehr konsequent, denn sie sagen Bewerbern frei heraus: „Wenn du dieses Mindset nicht hast: Bewirb dich nicht bei uns, denn dann bist du bei uns am falschen Platz.“

So etwas nennt man „Hire for Attitude“ – In so einer Umgebung gehen die Mitarbeiter auf Stufe 1 und 2 nach und nach von selbst, Mitarbeiter auf Stufe 3 und 4 springen auf. Ein solcher Kulturwandel braucht Zeit, aber mit jeder Neueinstellung wird es besser.

3) Die Unmöglichkeit des Delegierens
Wichtig für alle Führungskräfte: Selbstverantwortung ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Sie kann nicht eingefordert werden. Wer keine Selbstverantwortung übernehmen will, wird sich immer wegducken. Führungskräfte können Mitarbeiter auf den Weg bringen und ermutigen, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. Aber man kann niemandem Selbstverantwortung geben, der sie nicht will. Wer sie nicht will, wird sie niemals übernehmen. Die Verantwortung muss dann jemand anderes tragen, und sei es der Chef selbst.

Die Frage in jedem Unternehmen ist dann: Wieviel Verantwortung für die Selbstverantwortungskultur im Unternehmen übernimmt der Chef?

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