Die Angst vor der zufallenden Tür

Die Angst vor der zufallenden Tür

Das OMR Festival in Hamburg,  ist ein ziemlich beeindruckendes Event, auf dem wir uns liebend gern inspirieren lassen. Neben frischen Infos und spannenden Speakern ist es insbesondere dieser Geist des Aufbruchs, der kreativen Schöpfung, des Experimentierens und des Gründens, der uns immer wieder anlockt.

Peter lief beim diesjährigen Festival Anfang Mai ganz zufällig eine Bekannte über den Weg. Die letzte Begegnung mit ihr war schon ein paar Monate her und damals hatte sie geplant, ihren Job zu kündigen und ein Startup zu gründen. Mit funkelnden Augen und eindrücklichen Worten hatte sie Peter von ihrer Idee erzählt: Es ging um eine Marketingnische im Internet. Großes Potenzial, überschaubare Startinvestition, sehr clever!

Ja, und jetzt, als er sie wieder traf, war natürlich seine erste erwartungsvolle Frage: „Und wie läuft’s mit deinem Startup?“

Sie schaute ihn mit müden Augen an. Oje. Fast schon kleinlaut erzählte sie, wie sie sich mit vielen klugen Leuten unterhalten habe, was ja auch wichtig ist, bevor man einen so großen Schritt wagt, seinen Job kündigt und sich in so ein unternehmerisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang stürzt. Aber das Ergebnis dieser Gespräche war: Je mehr Leute sie gefragt und je mehr unterschiedliche Meinungen sie gehört hatte, desto größer wurde ihre Unsicherheit. Naja, und jetzt macht sie halt erstmal weiter in ihrem alten Job …

Peter war enttäuscht und dachte: Mensch! Schade! Warum traust du dich nicht! Mach doch den Sprung! Wo ist denn dein Mut? Und selbst wenn’s schiefgeht … es passiert doch nichts Schlimmes. Das ist doch einen Versuch wert!

Statt der unternehmerischen Entschiedenheit war bei ihr akute Entscheidungslähmung eingetreten. Schade … – Dabei ist das Zögern manchmal völlig sinnlos.

Kein Weg zurück … wirklich?

Ihr kennt das: Eine wichtige Entscheidung steht an. Wochen und Monate vergehen damit, Pro- und Contra-Listen zu erstellen und wenn ihr x Leute um Rat und Meinung fragt, habt ihr am Ende x+1 Antworten. Was kein bisschen weiterhilft! Die eigene Bewertung, das eigene Bauchgefühl und die eigene Erfahrung sagen gar nichts mehr, die Stimme im Kopf, die Mut machte, ist verstummt.

Letztlich passiert dann … gar nichts. Weil es sich „sicherer“ anfühlt, nichts zu tun.

Es gibt mehrere Ursachen dafür, die wir in unserem Buch „Nein“ beschreiben – wir wollen uns hier auf eine konzentrieren: Die Annahme nämlich, dass die Entscheidung, die wir einmal getroffen haben, nie wieder umzukehren ist. Selbstverständlich kann diese Aussicht lähmen. Nur: Diese Prämisse ist fast immer falsch!

Wenn wir den Job kündigen und den Sprung in die Selbständigkeit wagen, wenn wir in eine neue Stadt ziehen oder ein Haus kaufen – und es dann nicht so läuft wie erhofft – dann glauben viele Menschen, dass das tiefgreifende Konsequenzen für ihr Leben haben würde. Aber die Sache ist die: Nicht alle Entscheidungen sind gleich.

Es gibt einen Unterschied zwischen irreversiblen Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind – z.B. die Entscheidung, ein Kind zu bekommen und großzuziehen – und reversiblen Entscheidungen, die also sehr wohl umkehrbar sind, wie beispielsweise ein Haus zu kaufen oder in eine neue Stadt zu ziehen oder den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen.

Die wenigsten Entscheidungen im Leben sind irreversibel. Klar, es hat immer seinen Preis, eine Entscheidung rückgängig zu machen – also sich nach gescheiterter Selbständigkeit wieder einen Job zu suchen, nach einem gescheiterten Umzug wieder an den alten Ort zurückzuziehen, sich nach einem gescheiterten Zusammenleben wieder zu trennen, sich von einem nicht lukrativen Markt wieder zurückzuziehen und so weiter. Aber dieser Preis des Ausprobierens ist fair und bezahlbar. Ja, er kann sogar von vornherein einkalkuliert werden.

Nicht zufällig

Jeff Bezos und Richard Branson, die beide als erfolgreiche Unternehmer in ihrem Alltag am laufenden Band Entscheidungen treffen, greifen deshalb auf eine kluge Differenzierung zurück: Sie unterscheiden zwischen zweiseitigen Türen, die auf beiden Seiten Klinken haben, und zufallenden Türen, die auf der anderen Seite nur einen Knauf, aber keine Klinke haben (wobei Branson dieses Konzept von Bezos übernommen hat, wie er selbst sagt).

Bezos und Branson sind sich auch dessen bewusst, dass es einige wenige Entscheidungen gibt, die tatsächlich irreversibel oder fast irreversibel sind – also zufallende Türen, durch die man nicht wieder zurückgehen kann. In diesem Fall sollten die Entscheidungen methodisch und mit großer Sorgfalt getroffen werden. Denn wenn man am Ende nicht mag, was man auf der anderen Seite vorfindet, ist der Geist aus der Flasche entwichen und kann nicht mehr wieder hineingedrückt werden.

Aber die meisten Entscheidungen sind nicht so! Sie sind umkehrbar – sie sind Türen mit zwei Klinken. Stellt sich die Entscheidung als Sackgasse, als Irrweg, als gescheiterter Versuch heraus, kann man auf dem gleichen Weg wieder zurückgehen.

Solche Entscheidungen sollten ebenfalls gut überlegt werden, insbesondere mit kalkuliertem Einsatz. Sie sollten aber dennoch ohne Zögern, schnell und mutig getroffen werden – entweder von mir selbst – oder aber ich hole mir eine kleine Gruppe von Leuten zusammen, die über ein hohes Urteilsvermögen verfügen.

Diesem Ansatz folgte Richard Branson, als er 1984 seine Fluggesellschaft Virgin Atlantic gründete. Er wollte definitiv nicht so enden wie die zahlreichen Beispiele gescheiterter Fluggesellschaften – das war ihm von Anfang an klar. Also schloss Branson einen Vertrag mit Boeing, der es ihm ermöglichte, das erste Flugzeug, das er gekauft hatte, wieder zurückzugeben, wenn seine neue Fluggesellschaft nicht ins Laufen kommen würde. Um bei unserem Türen-Bild zu bleiben: Branson verwandelte eine Tür, die aussah wie eine zufallende Tür, in eine Tür mit zwei Klinken. Durch die Rücktrittsklausel, die er in den Vertrag einbrachte, schraubte er der Tür eine zweite Klinke an, so dass er aus seinem Abenteuer sofort wieder aussteigen konnte, wenn ihm das Ergebnis nicht gefiel.

Entscheidungen unterscheiden!

Wenn ihr also das nächste Mal eine Entscheidung trefft, fragt euch: Ist das eine zufallende Tür? Oder eine Tür mit zwei Klinken? Wenn es sich um eine Tür mit zwei Klinken handelt, entscheidet euch und bewegt euch schnell. Hier ist langes Zweifeln sinnlos! Probiert es einfach aus!

Wenn es sich aber um eine zufallende Tür handelt, fragt euch erst einmal, ob eure Interpretation überhaupt richtig ist. Viele Entscheidungen, die zunächst unumkehrbar erscheinen, sind eigentlich Türen mit zwei Klinken, die nur wie zufallende Türen aussehen. Wenn ihr genau hinschaut, finden ihr vielleicht einen Türklinke, die sich auf der anderen Seite der Tür verbirgt. Oder ihr schraubt einfach eine Klinke dran!

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