Die Kunst des effektiven Streitens

Harmoniesüchtig? Die Kunst richtig zu streiten

Die Kunst des effektiven Streitens

Was sich bei so manchen Podiumsdiskussionen, die wir auf Konferenzen und Tagungen erleben, abspielt, ist eine glatte 10 auf der Nervensägen-Skala. Konformität, austauschbare Meinungsmonokultur, bleierne Harmoniesucht – es ist das genaue Gegenteil von kritischer Auseinandersetzung, es ist kein wirklicher Meinungsaustausch, es ist keine Diskussion, die dieses Wort verdient.

Wir sitzen dann irgendwo in der dritten Reihe, versuchen der Diskussion zu folgen und fragen uns schon nach einer Viertelstunde: Es sind doch sowieso alle einer Meinung! Was soll das Ganze? „Das sehe ich auch so …“, „Da muss ich meinem Vorredner recht geben …“, „Dem kann ich eigentlich nichts hinzufügen …“, „Wir haben bei uns ganz ähnliche Erfahrungen gemacht …“ – Harmonie, Einverständnis, gähnende Langeweile. Das Publikum lehnt sich zurück und denkt: Die haben ja so recht … und langsam dämmert man ein.

Harmoniesucht findet sich auch in vielen Unternehmen

Es fehlen die konträren Aussagen, es fehlt die pointierte Wortwahl, es fehlen die Zuspitzungen auf die Kerne unterschiedlicher Standpunkte, es fehlt die spannende Bandbreite von Überzeugungen, die von Menschen mit Herzblut vorgetragen werden. Es fehlen Angriffslust, Verteidigungsbereitschaft, Originalität und echte Standpunkte! Jeder Teilnehmer agiert defensiv und harmoniesüchtig statt offensiv und angriffslustig.

Und zwar genau an den Stellen, an denen die Probleme am allerdeutlichsten werden: in den Meetings. Auch dort obsiegt der Sog der harmonischen Effizienz und der Konformität: „Jemand anderer Meinung? Nein? Gut. Dann der nächste Punkt auf der Agenda …“ – Wir fragen uns, warum die Konfliktvermeidung in Teams so attraktiv ist und ein Großteil der Teilnehmer geradezu harmoniesüchtig agiert?

Okay, da ist natürlich der Zeitdruck: Die Diskussion verschiedener Standpunkte kostet Zeit. Und man ist ohnehin spät dran. Und es gibt noch 13 weitere Tagesordnungspunkte …

Seid nicht so harmoniesüchtig!

Außerdem ist unsere kulturelle Prägung gegen Konflikte ausgerichtet. Unsere kulturelle Prägung lautet: Wenn du zusammenarbeiten willst, solltest du nicht streiten. Kollaboration und Konflikt werden als Gegensätze angesehen. Denn wir sitzen alle im gleichen Boot und rudern in perfektem Gleichklang dem gemeinsamen Ziel entgegen. – Was im Rudersport sinnvoll ist, macht in der Welt der Wirtschaft viele Teams so richtig schön mittelmäßig im Ergebnis.

Wir brauchen dringend mehr Bereitschaft zur Disharmonie! Wenn ihr mehr als nur durchschnittliche Ergebnisse wollt, braucht ihr unterschiedliche Meinungen und Standpunkte. Ihr müsst gut darin sein, die besseren Ideen im fairen Wettstreit gewinnen zu lassen, denn sonst bleibt man auf den eigenen blinden Flecken im kreativen Halbdunkel sitzen.

So erzeugt ihr mehr produktive Reibungshitze

Drei Vorschläge, mehr produktive Reibungshitze zu erzeugen, ohne ins diskursive Chaos abzurutschen:

1) Heterogenität stärken!

Beim Besetzen von Teams sollten nicht nur ein oder zwei Persönlichkeitstypen vertreten sein. Ob ihr bei der Auswahl einen der einschlägigen Persönlichkeitstests verwendet oder eigene Methode entwickelt, ist egal: Hauptsache ihr stellt ausreichende Vielfalt und Unterschiedlichkeit sicher, denn das erzeugt erwiesenermaßen eine kreative Spannung, die zu besseren Ergebnissen führt.

2) Unterschiedliche Rollen besetzen!

Wie bei einer guten Talkshow sollten in Teamdiskussionen unterschiedliche Akteure unterschiedliche Aufgaben haben. Der Vertriebler z.B. plädiert für mehr Flexibilität bei Sonderwünschen der Kunden, um effektiver verkaufen zu können. Der Kollege aus der Produktion dagegen hat ein natürliches Interesse daran, für mehr Standardisierung zu sorgen, um effizienter zu sein. Wunderbar: Im herzhaften Widerstreit zwischen Effektivität und Effizienz können großartige neue Lösungen entstehen.

3) Den Advocatus Diaboli spielen!

Dabei geht es nicht einfach nur darum, etwas Unpopuläres zu sagen oder schlicht dagegenzuhalten. Ihr braucht keinen Stinkstiefel. Die eigentliche Rolle des Teufelsanwalts ist die fundierte Kritik an den Vorschlägen der Gruppe: Wenn sich alle einig sind, vertritt der Advocatus Diaboli Gegenargumente zur Lösung und versucht so, Schwachpunkte zu identifizieren. Die Gruppe versucht seine Argumente zu entkräften. Nach diesem konstruktiven Schlagabtausch wird die Lösung entweder mit noch mehr Sicherheit beschlossen, oder die Zweifel wurden erhärtet und die Lösung wird verworfen. Beides ist hilfreich.

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Alle drei Wege zeigen: Es ist kein potenzieller Verrat am Teamspirit, eine abweichende Meinung zu haben! Sondern es ist eine gute Idee, weniger harmoniesüchtig zu agieren, unterschiedliche Perspektiven zu durchdenken und Wege zu finden, genau diese produktive Reibung zwischen Gegensätzen zu kultivieren, um durchdachtere und bessere Antworten zu finden.

Und ja: Das ist anstrengend, zeitaufwändig und nicht immer einfach, manchmal sogar nervig. Darum solltet ihr das auch nicht grundsätzlich und immer bei allen Diskussionen machen. Und ihr müsst auch nicht immer die ganze Enchilada durchgehen. Die besten Teams haben ein gutes Gespür dafür, wann einfach nur das Abarbeiten von Aufgaben gebraucht wird und wann die effektive, gepflegte Auseinandersetzung für kreative Lösungen dran ist.

Ihr müsst beides drauf haben! Denn bei allzu viel Harmoniesucht gilt, was Walter Lippmann sagte: „Wo alle gleich denken, denkt keiner sehr viel.“

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