Radically open-minded bedeutet…

Radically open-minded

Wir sind keine Fans von Ray Dalio. Die Unternehmenskultur, die er als Chef propagiert, ist ziemlich speziell: Alle Meetings werden gefilmt und jeder im Unternehmen kann sich dann die Videos anschauen, alle Mitarbeiter bewerten sich permanent gegenseitig nach einem Punktesystem …

Nichts gegen Transparenz und Feedback, aber so wie es hier praktiziert wird, hat es fast schon etwas Obsessives.

Aber dennoch wäre es zu kurz gesprungen, Dalio unter der Rubrik „nicht weiter interessant“ abzuschreiben. Der Mann ist immerhin Gründer von Bridgewater Associates, dem weltweit größten Hedgefonds und als Unternehmer und Fonds-Manager extrem erfolgreich.

Dalio hat sich kürzlich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und ein Buch über sein Leben und seine Erfolgsprinzipien geschrieben; der Titel heißt dann auch schlicht „Principles“.

Und das Buch ist wirklich interessant. Dalio ist mehrmals gescheitert, hat sich immer wieder aufgerafft und er ist sehr offen, wenn er die Prinzipien beschreibt, die seiner Meinung nach großen Einfluss auf den Erfolg eines Menschen haben.

Warum Bescheidenheit nicht nur eine Zier ist

Offen ist er. Genau. Mehr noch, er ist extrem aufgeschlossen. Und dabei auf eine bestimmte Art bescheiden. Wir finden, dass der englische Begriff „open-minded“ es eigentlich noch besser trifft.

Und genau darin haben wir auch viel von unserer Lebensphilosophie wiedergefunden. Eine der Empfehlungen, die Dalio für extrem wichtig hält: Be radically open-minded! Ja, dem stimmen wir zu 100 Prozent zu!

Warum diese Eigenschaft so wichtig ist? Weil sie gute Entscheidungen ermöglicht. Gute Entscheidungen sind nicht notwendigerweise diejenigen, die dem eigenen Ego schmeicheln. Eine gute Entscheidung ist das, was am besten für einen selbst UND für das eigene Unternehmen ist. Und um eine solche gute Entscheidung zu treffen, sollte man die Fähigkeit trainieren, verschiedene Blickwinkel und Möglichkeiten zu sondieren, auch wenn das vielleicht dem Ego schmerzt.

Radically open-minded – Alles andere als engstirnig

Also, wie „open-minded“ sind Sie? – Natürlich glauben die meisten Menschen, dass sie aufgeschlossen sind und keine Probleme damit haben, ihr Ego zurückzustellen. Aber ist das tatsächlich so? Hier sind ein paar Fingerzeige, die Aufschluss darüber geben, wie es darum tatsächlich bestellt ist:

  • Viele Menschen haben, wenn sie ehrlich sind, ein Problem damit, wenn ihre Meinung hinterfragt wird. Wer mag das schon? Gerade in hierarchischen Strukturen ist das ein echter Karrierekiller. Allerdings ist vielen nicht bewusst, dass das kritische Hinterfragen extrem wichtig ist.
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    Radically open-minded bedeutet:
    Unterschiedliche Meinungen? Kritisches Hinterfragen? Herzlich willkommen! Denn letztendlich erhöht es die Qualität der Entscheidung.
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  • Viele Menschen versuchen, in Diskussionen Feststellungen zu machen und ihre Überzeugungen zu platzieren. Sie stellen eher selten offene Fragen.
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    Radically open-minded bedeutet: Ich bin mir sehr bewusst, dass meine Überzeugung auch falsch sein könnte. Deshalb bin ich auch bereit, meine eigenen Positionen zu hinterfragen. Etwas, was große Bescheidenheit erfordert.
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  • Für viele Menschen ist es wichtig, verstanden zu werden. Für sie steht weniger im Vordergrund, sich darum zu bemühen, die anderen wirklich zu verstehen.
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    Radically open-minded bedeutet: Ich betrachte alles auch durch die Augen von anderen Menschen. Dieser Perspektivenwechsel ist keine Ausnahme, sondern Normalität. Und das hebt wiederum die Qualität meiner Entscheidungen.

Was, wenn Sie falsch liegen?

Wir finden, dass diese drei Punkte eine sehr aufschlussreiche Dechiffrierung des Begriffs „radically open-minded“ liefern.

Wenn Sie dieses Erfolgsprinzip anwenden wollen, sollten Sie im ersten Schritt ehrlich Bilanz ziehen, wie aufgeschlossen Sie in ihren verschiedenen Lebensbereichen sind. Dazu bieten sich die drei vorgenannten Fingerzeige zur Selbstreflexion an.

Der zweite Schritt: Suchen Sie nach Menschen, die ebenfalls „radically open-minded“ sind und umgeben Sie sich gezielt mit ihnen. Auch wenn Sie vielleicht nicht alles an diesen Menschen toll finden. Je mehr solcher Persönlichkeiten zusammenkommen, desto größer der Einfluss auf die Kultur eines Unternehmens. In einer solchen Kultur wird Widerspruch nicht als Verrat an der gemeinsamen Sache angesehen, sondern als sehr wichtiger Baustein, um zu lernen und gute Entscheidungen zu treffen.

Natürlich ist das keine Empfehlung, jeglichen Widerspruch blind zu akzeptieren. Das wäre dumm.

Radically open-minded zu sein heißt nicht, naiv zu sein. Im Gegenteil: Es bedeutet, für andere Blickwinkel, Standpunkte und Argumente offen zu sein, aber gleichzeitig auch nachdrücklich zu sein, denn am Ende sollte dann ja – nach allen unterschiedlichen Argumenten, die gegeneinander abgewogen werden – auch eine Entscheidung stehen!

Dalio stellt in seinem Buch eine einfache Frage, die eine Therapieform gegen Engstirnigkeit ist. Vielleicht ist das sein wichtigster Tipp:

Wenn zwei Menschen sich widersprechen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass einer von beiden falsch liegt. Was, wenn Sie es sind?