Reverse Pilots – Raum für die wirklich wichtigen Dinge durch Pilotprojekte in umgekehrte Richtung

Reverse Pilots Pilotprojekte in umgekehrte Richtung

Reverse Pilots – Raum für die wirklich wichtigen Dinge durch Pilotprojekte in umgekehrte Richtung

Neulich haben wir Post bekommen. Genauer gesagt eine Mail. Die kam von Steffen, der als Referent im Bereich Planning & Reporting in einem Konzern arbeitet und langjähriger Leser unserer Bücher ist. Er schrieb, dass er gerade Vergeude keine Krise! gelesen habe und ihn besonders das Kapitel Kill a stupid rule angesprochen habe.

Und ja, die Bürokratie nerve ihn auch und er habe sich schon des Öfteren die Frage gestellt, warum sich dieser Bereich mit quasi naturgesetzlicher Konsequenz zunehmend aufbläht.

Geistige Selbstpensionierung? Nein danke!

Jeder, der schon mal in einem großen Unternehmen gearbeitet hat, kennt das: Ein Großteil der zur Verfügung stehenden Zeit wird für administrativen Kram aufgewendet und die Leistungsträger erschöpfen sich im täglichen Dauerkampf mit Verwaltungsangelegenheiten.

Das enge Netz der Vorgaben, Richtlinien, Planungs-, Steuerungssysteme ist ein Zeitfresser allererster Güte und zudem ein todsicheres Rezept, um jeglichen Veränderungswillen im Keim zu ersticken und die Selbstverantwortung gleich dazu. Während sich einige noch dagegen auflehnen, hat der Rest schon resigniert und dümpelt der frühen geistigen Selbstpensionierung entgegen. Alles in allem: Der regelrechte Wahnsinn!

Was Steffen aber dann schrieb, hat uns geradezu elektrisiert: In seiner Abteilung waren sich alle einig, dass die Last der wöchentlichen Berichte, die man für das Top-Management zu erstellen hatte, einfach nur nervig war. Die Ausarbeitung der Berichte inklusive der aufwendigen Grafiken kostete extrem viel Energie und das Team vermutete, dass diese „Berichtsorgien“ möglicherweise nicht viel zur Wertschöpfung beitragen würden.

Machen ist wie wollen, nur krasser

Aber anstatt mit den Schultern zu zucken und die Augen zu rollen, machte das Team von Steffen etwas anderes: Man startete ein Pilotprojekt, um die eigene Annahme zu testen. Das Vorgehen war von maximaler Geradlinigkeit: Man stellte die Herausgabe der Berichte schlichtweg ein.

Und dann?

Dann wartete man ab, ob die Empfänger in der Top-Etage sich beschweren würden.

Punkt.

Wie ging es weiter?
Brach das Chaos in der Vorstandsetage aus?
Hagelte es wütende Beschwerden vom Top-Management?
Wurden Steffen und seine Kollegen fristlos gekündigt?

Nichts von alledem passierte.

Ihr ahnt es: Der große Beschwerdesturm blieb aus. Nach einer Woche wurden gerade mal vier Berichte angefordert – der Rest wurde offensichtlich nicht so dringlich vermisst.

Wir finden: Ein sehr cleveres Vorgehen! Und eines, das sehr viel mehr Nachahmer finden sollte!

Reverse Pilots – Pilotprojekte in umgekehrte Richtung

Daniel Shapero, Chief Business Officer bei Linkedin, nennt diesen Prozess „Reverse pilot“ – Pilotprojekte in umgekehrte Richtung. Er schreibt in seinem Artikel „Great Managers Prune as Well as Plant“:

„Companies run pilots to test new initiatives all the time, but reverse pilots focus on testing the removal of an initiative or process. In a pilot you see if a new initiative materially increases results; in a reverse pilot, you see if removing an initiative does not materially decrease results. The goal of a reverse pilot is not to improve results, but to decrease complexity without making things worse in the short term.“

 

Der „Reverse Pilot“ reduziert Bürokratie

Wir sind große Fans dieses Vorgehens, weil man damit aufgeblähte bürokratische Strukturen entschlacken kann. Die zentrale Frage lautet also: Welche Projekte oder Aufwände können wir testweise streichen? Wenn das entfernte Stück nicht vermisst wird oder für das Funktionieren des Systems keinen Unterschied macht, war es schlicht nicht wichtig.

Der „Reverse Pilot“ ist nicht einfach. Sorry.

Auch wenn das Vorgehen simpel klingt: Ein „Reverse Pilot“ ist nicht einfach. Berichte, Projekte, Meetings, Prozesse einfach streichen? Das ist herausfordernd, insbesondere wenn Menschen oder ganze Organisationseinheiten ihre Daseinsberechtigung daraus ableiten. Die werden sich mit Händen und Füßen wehren.

Außerdem: etwas hinzufügen – das ist einfach. Aber reduzieren oder ganz weglassen – das fällt schwer. Weglassen heißt Loslassen. Es heißt, den Status quo zu hinterfragen und Veränderung zu umarmen. Das ist ungemütlich. Doch das Weglassen ist essenziell, um die Energie auf die Aspekte zu konzentrieren, die tatsächlich einen Unterschied ausmachen.

Der „Reverse Pilot“ funktioniert auch im Privatleben

Der „Reverse Pilot“ funktioniert übrigens auch im Privaten. Die Zutat, die es dazu braucht: Mut zur Selbstreflexion. Dann sind augenöffnende Erkenntnisse garantiert!

Stell dir dazu einfach die folgende Frage: Gibt es Dinge, die du routinemäßig für Familienmitglieder oder Freunde machst? Dinge, von denen du immer angenommen hast, sie wären für die anderen enorm wichtig, die aber von den Empfängern deiner „Wohltaten“ kaum wahrgenommen werden?

Was wäre, wenn du – ohne etwas zu sagen -, diese Aktivität für einige Tage oder Wochen einstellst oder zumindest zurückschraubst? Das wäre ein cleverer Test, der dir Klarheit darüber geben würde, ob deine Aktivität den anderen wirklich etwas bedeutet oder ob sie im Grunde genommen niemanden wirklich interessiert.

Reverse Pilots machen klug!
Und schaffen Freiräume für die Dinge, die wirklich wichtig sind.

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