Selbstsabotage: Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen

Selbstsabotage - Geschichten die wir uns selbst erzählen

Selbstsabotage: Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen

Kürzlich trafen wir beim Einkaufen eine Bekannte. Also plauderten wir ein paar Sätze typischen Lockdown-Dialog … und dann kam etwas, das uns überraschte:

Wir: „Alles gut bei dir?“
Sie: „Muss ja. Unter den Umständen eigentlich ganz okay.“
Wir: „Ja, kommt uns bekannt vor. Geht uns ähnlich.“
Sie: „Ich hatte letzte Woche Geburtstag. Mein Fünfzigster. Aber leider konnte ich ja nicht feiern … ihr wisst schon. Ist vielleicht auch gut so. Ab Fünfzig gehts eh abwärts.“
Wir: „Wieso das denn?“
Sie: „Ach ja, das Alter. Die Pfunde auf den Hüften nehmen zu und mit der Fitness gehts rapide bergab.“

Das wurde von ihr als Tatsache angesehen.
Als unausweichlich.

Aber ist das so?

Unbemerkte Selbstsabotage

Wir sind ja selber Ü-50er und können diese Geschichte nicht bestätigen: Die Pfunde auf unseren Hüften nehmen nicht automatisch zu und bei regelmäßigem Training lässt sich das Fitnesslevel gut halten. Und wir standen ja als lebendige Beweise direkt vor ihr.

Aber trotzdem kam ihr überhaupt nicht in den Sinn, dass diese Geschichte, die sie sich selbst erzählte, reine Selbstsabotage ist und sie sich eigentlich auch eine ganz andere Geschichte erzählen könnte.

Seit wir dieses Phänomen bemerkt haben, beobachten wir es immer und immer wieder bei verschiedensten Menschen und zu verschiedensten Gelegenheiten, auch bei uns selbst: Wir erzählen uns selbst Geschichten. Und diese Erzählungen zitieren wir als Beleg für die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen. Fakten und Gegenargumente, die zeigen, dass es auch anders sein könnte, werden so vom Tisch gewischt.

Das ist offenbar menschlich und auch vollkommen unproblematisch, wenn die jeweilige Erzählung uns in unserer Lebensführung, unserer Gesundheit, unserem Lernen oder wo auch immer unterstützt. Aber häufig sind diese Selbsterzählungen eben reine Selbstsabotage, die uns bremst, die uns runterzieht und die destruktiv wirkt.

Selbstsabotage als Schutzschild

Dann werden die Ursprungserzählungen allmählich zu Widerspruchserzählungen, die sich in unser Denken und Fühlen einbrennen. Wir wiederholen sie immer wieder und zementieren so einen unsichtbaren engen Pfad, den wir durch die Erzählung selbst vorgeben.

Mit der Zeit werden diese Widerspruchserzählungen immer stärker und mutieren zu Schutzschilden, die persönliches Wachstum und Weiterentwicklung sabotieren. Wie auch, wenn die Erzählung manifestiert, dass du den Umständen ausgeliefert bist – und du von dieser Geschichte felsenfest überzeugt bist?

Geschichten können umgeschrieben werden

In einer Welt, in der sich die Frequenz der Veränderungen geradezu überstürzt, müssen wir in der Lage sein, Wandel zu bewältigen. Das ist unsere Daueraufgabe, sowohl als Individuum als auch als Unternehmen und als Gesellschaft. Die große Gefahr besteht darin, das was sich verändert, durch die Brille der eigenen Widerspruchserzählung zu betrachten.

Ab und zu solltest du innehalten, einen Schritt neben dich treten und überprüfen, was du glaubst und warum du das tust. In einer Welt, in der es immer weniger unverrückbare Konstanten gibt, solltest du das bewusster und regelmäßiger tun als je zuvor.

Es wird schwierig, sich weiterzuentwickeln und persönlich zu wachsen, wenn neun Zehntel deines Gehirns unbewusst durch Widerspruchserzählungen sabotiert werden!

Wandel bewältigen wir schlichtweg besser, wenn wir unsere Zukunft neu erzählen.

Und das ist möglich!

Erzählungen sind unsere eigenen Erfindungen, also können wir die auch wieder verändern!

Um Erzählungen so zu gestalten, dass sie für unsere Entwicklung nützlich sind anstatt sie zu behindern, bieten sich drei Fragen an:

Frage 1: Welche Geschichten erzähle ich mir selbst?

Bei anderen Menschen und deren Geschichten sind wir eher skeptisch – nicht aber bei unseren eigenen. Sobald wir entscheiden, dass etwas „wahr“ ist, wird alles, was wir erleben, so interpretiert, dass es diese „Wahrheit“ unterstützt.

Der Physik-Nobelpreisträger Richard P. Feynman hat uns davor gewarnt:

“The first principle is that you must not fool yourself – and you are the easiest person to fool.”

Darum solltest du immer mal wieder im Alltag innehalten und reflektieren, hinterfragen, zweifeln: Ist das tatsächlich so? Oder läuft gerade wieder mein Automatismus ab?

„Ach ja, das Alter. Ab Fünfzig nehmen die Pfunde auf den Hüften automatisch zu und mit der Fitness gehts rapide bergab. Das ist so. Kannste nix machen.“

Natürlich fällt das nicht leicht, weil du dir eingestehen musst, dass du dir gerade eine Geschichte erzählst, die reine Selbstsabotage ist, die dich bremst und ungesund ist.

Die Herausforderung besteht also darin, immer mal wieder Zeit und Energie darin zu investieren, eigene Denkkonstrukte aufzubrechen – oder zumindest ein wenig umzubauen.
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Frage 2: Was steckt hinter der Geschichte?

Schau deine eigenen Geschichten genauer an und prüfe zwei Dinge:
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1. Wirkt diese Geschichte wie eine Selbstsabotage, die sinnvolle Veränderungen verhindert?

Teste deine Geschichte, die du dir erzählst mit Fragen wie: „Behindert diese Erzählung Veränderung?“, „Behindert diese Erzählung, dass ich mich weiterentwickle?“, „Behindert diese Erzählung, dass ich die beste Version meiner selbst werde?“, „Behindert diese Erzählung, dass ich zufrieden bin?“ …
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2. Kann ich durch neue Gespräche neue Einsichten gewinnen?

Im Alltag neigen wir dazu, uns immer wieder mit denselben Menschen auszutauschen. In einem solchen Umfeld wirst du nichts Neues lernen. Such deshalb das Gespräch mit Menschen, die sich nicht in deiner Echokammer bewegen, sondern die unabhängig und kritisch sind. Du willst deine Annahmen ja nicht bestätigt wissen, sondern bewusst die andere Seite sehen. Diese Gespräche schärfen das eigene Bewusstsein und helfen, klarer zu sehen.

Außerdem hilft es, immer mal wieder auf die Faktenlage zu schauen. Stimmt die überhaupt mit meiner Geschichte überein? – Recherchiere einfach mal die Fakten und setze dich damit auseinander.

Stimmt die Faktenlage, dass das Tempo des körperlichen Niedergangs gnadenlos wie ein Uhrwerk abläuft? Nein, sagt die »Disuse Theory«. Zahlreiche Studien belegen: Ein großer Teil des körperlichen Verfalls wird nicht durch den Alterungsprozess selbst ausgelöst – sondern durch einen Mangel an Bewegung. Fitness im Alter folgt einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer glaubt, zu alt zu sein für Sport, treibt weniger oder keinen Sport und altert dadurch wirklich schneller. Studien zeigen, dass Menschen, die fleißig trainieren, den Leistungsabbau deutlich verlangsamen können – und zwar etwa um die Hälfte. Der menschliche Körper kann bis zum Lebensende eine erstaunliche Funktionalität behalten – vorausgesetzt, man trainiert weiter.

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Frage 3: Wie könnte meine neue Geschichte aussehen?

Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, können wir auch neu formulieren.

Wenn deine alte Geschichte dich nicht stärkt, wenn sie reine Selbstsabotage ist und überfällige Veränderungen verhindert, dann hast du die Freiheit, daran zu arbeiten. Du kannst dich für eine neue, nützlichere, ermutigendere Geschichte entscheiden. Als Inspiration kann da auch die reale Geschichte eines anderen Menschen dienen:

Statt zu sagen „ab 50 gehts bergab“, sagst du dir: „Nix da, jetzt geht es erst richtig los! Ich habe heute sehr viele Möglichkeiten (Sport-Apps, GPS, Pulsmesser oder Personal Trainer). Das Alter ist nicht die verlorene Jugend, sondern eine neue Stufe der Möglichkeiten und Stärken!“

Eine Geschichte, die dich bei einer solchen Erzählung inspirieren könnte, ist die von Heather Lee: Die australische Rentnerin startete ihre Sportkarriere mit 70, angetrieben von ihrem Ehemann Leonard, der kurz bevor er an Lungenkrebs starb, zu ihr sagte: „Jetzt ist es an der Zeit, dein Können unter Beweis zu stellen!“

Das tat sie dann auch: Die heute 94-jährige hat mit 70 die Sportart des „Race Walking“ für sich entdeckt. Im Alter von 85 Jahren brach Heather alle australischen Rekorde für ihre Altersgruppe auf den Strecken 1500m, 3km, 5km und 10km Race-Walking. Und im selben Jahr brach sie die Weltrekorde über 3 km und 5 km. Derzeit hält sie alle Weltrekorde für ihre Altersklasse.
Wie wäre es also mit folgender Erzählung: Ab 50 geht es los und ab 70 dann nochmal so richtig!

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Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, im hohen Alter Goldmedaillen und Weltrekorde zu sammeln. Das kann man natürlich machen und das ist toll, wenn es gelingt. Letztlich geht es aber um etwas anderes. Es geht um eine Haltung, die Reinhard Sprenger mal wunderbar auf den Punkt gebracht hat: „Wir hören ja nicht auf, weil wir alt werden; wir werden alt, weil wir aufhören.“ Wir vermuten, dass Heather Lee diese Aussage auch unterschreiben würde.
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Du allein bist der Erzähler deiner Geschichte

Wir alle erzählen uns Geschichten und wir haben die ausgeprägte Neigung, neue Fakten entweder in die bestehende Geschichte einzufügen oder sie reflexartig abzulehnen. Nur selten wird die Geschichte selbst verändert.

Die Herausforderung besteht darin, die eigenen Geschichten und die damit verbundenen Denkkonstrukte aufzubrechen – oder zumindest ein wenig umzubauen.

Um das zu tun, müssen wir uns eingestehen, dass wir Geschichtenerzähler sind und dass diese Selbsterzählungen häufig nicht hilfreich sind, weil sie uns in unserer Lebensführung, unserer Gesundheit, unserem Lernen oder wo auch immer nicht unterstützen, sondern zurückhalten. Diese Selbsterzählungen formen unser Gedankengebäude, dass dann zu einem Bollwerk wird – unabhängig davon, was möglicherweise wirklich wichtig ist.

Das Leben und die damit einhergehenden Veränderungen werden dich immer überraschen – oftmals unangenehm – wenn du dich an den gewohnten Denkbahnen und den lang erzählten Geschichten festklammerst.

Isabel Allende hat einmal gesagt:
„Du allein bist der Erzähler deiner Geschichte. Du hast die Wahl, etwas zu erschaffen, das größer ist als du selbst – oder nicht.“

Und?
Welche Geschichten erzählst du dir?

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