Silodenken abbauen – mit dem Pixar Notes Day

Filmstudio Pixar

Silodenken abbauen – mit dem Pixar Notes Day

Peter hatte neulich eine fast schon schockierende Begegnung. Am Rande der The-Next-Web-Konferenz in Amsterdam kam er mit einem in den Niederladen extrem erfolgreichen Berater ins Gespräch, der darauf spezialisiert ist, Organisationen zu unterstützen, effizienter zusammenzuarbeiten und das Silodenken abzubauen. Ein Riesenthema und eines, das nach unserer Erfahrung so gut wie jedes Unternehmen umtreibt.

Der erfolgreiche Berater ist kein Experte

Aber dann kam es. Peter fragte ihn, was denn seine spezielle Expertise sei, die ihn so gefragt mache. Seine Antwort: „Ich bin auf diesem Gebiet gar kein Experte.“

Moment mal! Ein erfolgreicher Berater, der von sich selbst sagt, dass er eigentlich gar kein Experte auf dem Gebiet sei, in dem er unterwegs ist? Ist der Typ einfach zu bescheiden oder sind seine Klienten zu verpeilt, um zu merken, wen sie sich da ins Haus holen?

Weder noch! Er erklärt seine Aussage so: „Alles, was ich mache, ist, in das Unternehmen zu gehen, den Leuten zuzuhören, diese Dinge, die ich höre, zu clustern und es dann der Geschäftsführung zu präsentieren. Und genau das ist für die Geschäftsführung dann oftmals ein Augenöffner und führt zur Erkenntnis: Wahnsinn, das haben wir gar nicht gesehen!“

Das ist irre

Verrückt, oder?
Das Lösungswissen ist also bereits in der Organisation vorhanden, aber die Geschäftsführung weiß nicht, wo und wer und was, und hat auch keine Idee, wie sie das rausbekommen könnte.

Also reden die eigenen Leute entweder nicht mit ihren Chefs oder sie finden bei ihnen kein Gehör oder beides. Mit dem externen Berater jedoch reden die Mitarbeiter bereitwillig und die Chefs hören ihm bereitwillig zu. Das ist irre.

Viel frühes Feedback. Von allen Mitarbeitern

Dass es auch anders geht, zeigt Pixar, das Filmstudio, das so erfolgreiche Computeranimationsfilme wie Cars, Findet Nemo, Die Monster AG und Toy Story entwickelt und produziert hat.

Einer der wichtigsten Bestandteile der Kultur des Studios ist das Konzept der „Notes“. Das sind die schriftlichen Vorschläge oder Kritiken, die nach der internen Vorführung eines Rohschnitts eines gerade in der Entwicklung befindlichen Films gemacht werden.

In den meisten Studios werden solche Notes von den ranghöchsten Führungskräften gemacht und sind in der Regel obligatorisch. Bei Pixar aber kann jeder per Notes Feedback geben, und alle Mitarbeiter sind schon sehr früh zu Vorführungen eingeladen, lange bevor die komplette Storyline des Films finalisiert wird. Alle Mitarbeiter! Das bedeutet: viel Feedback, frühes Feedback.

Die Regisseure müssen die Notes nicht umsetzen – es sind nur Vorschläge. Aber natürlich fühlen sich dadurch alle Mitarbeiter gehört und involviert. Und die Macher bekommen in Summe wertvolle Informationen, auch wenn nicht jede Note sticht. Bei Pixar hat sich jedenfalls gezeigt, dass diese Kultur auch dabei hilft, sehr schnell Lösungen für knifflige Probleme, wie beispielsweise besondere technische Herausforderungen zu finden.

Pixar – Ein Tag Zusammenarbeit für die Zusammenarbeit

Aber diese Notes können noch mehr! Vor einigen Jahren war Pixar in einer Krise. Das ehemals kleine Studio war durch die erfolgreichen Produktionen sehr stark gewachsen und hatte nun 1.100 Mitarbeiter. Die Folge: Grabenkämpfe, Silodenken, Ressort-Egoismen. Die Teams schotteten sich in Abteilungsdenken ab und schauten nicht mehr über den Tellerrand des eigenen Bereichs.

Was tun? – Hier kamen die Notes ins Spiel …

Die Chefs überlegten: Mit dem Konzept der Notes können Mitarbeiter eigentlich nicht nur einen Film bewerten, sondern auch die Organisation, also die Zusammenarbeit im ganzen Unternehmen.

Anstatt den üblichen Weg zu gehen und einen externen Berater zu engagieren, rief Pixar den NOTES DAY aus. Einen kompletten Tag lang sollte die Arbeit ruhen. Stattdessen:

1. Jeder Mitarbeiter schrieb mindestens eine Note, also einen Vorschlag oder eine Kritik – allerdings nicht zu einem Film, der sich in der Entwicklung befindet, sondern zum Thema „Zusammenarbeit bei Pixar“. Der Effekt: Die Probleme werden nicht von oben, aus der Perspektive der Geschäftsleitung beschrieben, sondern aus der Sicht der Betroffenen, in mehreren tausend kurzen, schriftlichen Rückmeldungen.

2. Nachdem die Notes inhaltlich geclustert und zusammengefasst waren, konnte jeder Mitarbeiter für sich ein oder mehrere Themenbereiche auswählen, für die er sich interessiert. Und dann ging es schon daran, gemeinsam mit anderen Kollegen an den Lösungen zu arbeiten.

Insgesamt wurden 106 Themen diskutiert, 21 wurden im Anschluss an den Notes Day noch weiter vertieft bearbeitet. So ein Notes Day ist natürlich ganz schön teuer: Wenn bei rund 250 Arbeitstagen pro Jahr ein ganzer Tag Wertschöpfung bei allen Mitarbeitern entfällt, betragen alleine schon die Opportunitätskosten überschlagsweise etwa ein Zweihundertfünfzigstel des Jahresumsatzes. Aber die Ergebnisse waren es wert!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben überhaupt nichts gegen den Einsatz von Beratern im Unternehmen. Ganz im Gegenteil!

Nur: Unserer Überzeugung nach sollte sich ein Unternehmen erst dann Berater ins Haus holen, wenn es vorher die vorhandenen, internen Quellen auch wirklich genutzt hat. Beispielsweise durch so einen Notes Day.

Idealerweise nutzt man natürlich das Wissen und das Know-how der eigenen Mitarbeiter nicht nur einmal im Jahr, sondern am besten Tag für Tag!

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